DIE GESICHTER & DIE KOSTÜME
Kathakali-Make-up und Kostüm: Das bemalte Gesicht lesen
Hinter der Chutti — Kathakalis stundenlanges Schminkritual, der Bart aus Reispaste und der Farbcode, der den Charakter eines Wesens verrät, bevor auch nur ein Wort gesprochen wird.
Kochi-Showtermine auf GetYourGuide ansehen ↗Die Chutti — ein Gesicht, das geformt, nicht nur bemalt wird
Kathakalis Make-up, bekannt als Chutti, ist eher Bildhauerei als Kosmetik. Entlang der Kieferlinie und den Wangen baut ein spezialisierter Maskenbildner – traditionell Chuttikaran genannt – aus Reispaste und Papier einen erhabenen weißen Wulst auf, der das Gesicht wie eine dreidimensionale Maske einrahmt, bevor auch nur eine einzige Farbe aufgetragen wird. Schicht für Schicht folgen danach die Pigmente, traditionell aus natürlichen Quellen gewonnen: Reispaste für Weiß, Kurkuma und Kalk für Gelb sowie Indigo oder Ruß für Schwarz – der gesamte Prozess dauert je nach Figur ein bis mehrere Stunden. Die Darsteller liegen während des Auftragens oft flach auf dem Rücken, denn die Wülste müssen sich richtig setzen – ein Grund, warum die Make-up-Vorführung vor der Vorstellung für Besucher ein so seltenes Erlebnis ist, das man aus nächster Nähe verfolgen kann.
Pacha — das grüne Gesicht des edlen Helden
Das bekannteste Gesicht des Kathakali ist Pacha, was „Grün" bedeutet: Ein leuchtend grüner Grundton bedeckt das Gesicht und ist edlen, heroischen und göttlichen Charakteren vorbehalten – Königen, Göttern und tugendhaften Kriegern aus dem Mahabharata und Ramayana. Das Grün signalisiert dem Publikum moralische Güte, das den Charakter bereits anhand der Farbe erkennt, bevor die Geschichte überhaupt beginnt – ähnlich wie andernorts ein Kostüm oder eine Krone. Feine rote und schwarze Linien heben anschließend Augen und Augenbrauen hervor, und ein weißer Chutti-Wulst umrahmt den Kiefer. Es ist das Gesicht, das in Fotografien am stärksten mit Kathakali assoziiert wird – und das aus gutem Grund: Es ist das Make-up der zentralen, bewundernswerten Figuren der Erzählung.
Kathi und Thadi – Schurken, Dämonen und Waldbewohner
Wo Pacha den Adel markiert, steht Kathi („Messer“) für Figuren, die mächtig und oft gewalttätig sind, aber dennoch eine gewisse Größe besitzen – stolze Schurken und Antihelden, erkennbar an aufwärts geschwungenen roten und schwarzen Mustern über einem grünen Grundton, plus einem markanten bauchigen weißen Knopf auf Nase oder Stirn. Thadi-Figuren („Bart“) tragen farbige Bärte, die ihr Wesen weiter kodieren: weiße Bärte für tugendhafte, halbgöttliche Gestalten wie Hanuman; rote Bärte für aggressive, böse Charaktere; schwarze Bärte für wildere, im Wald lebende Figuren. Eine eigene Kari-Kategorie („Schwarz“) mit rußschwarzem Gesicht kennzeichnet Dämoninnen und andere dunkle Waldgeister. Zusammen erlaubt das Farbsystem dem Publikum, den moralischen Stand einer Figur auf einen Blick zu erfassen.
Minukku — die verfeinerten, menschlichen Gesichter
Nicht jede Kathakali-Figur trägt die aufwendigen, bemalten Kategorien, die oben beschrieben wurden. Minukku, was so viel wie „poliert“ oder „strahlend“ bedeutet, ist das schlichtere, natürlichere Make-up, das für Frauen, Weise, Brahmanen und andere vornehme menschliche Charaktere verwendet wird – eine warme, gelbtonige Grundierung mit feinen Linien, näher am konventionellen Bühnen-Make-up und ohne die aufgesetzte Chutti-Kante. Es ist ein bewusster Kontrast: Gegenüber der überragenden, maskenhaften Intensität der Pacha- und Kathi-Gesichter wirken Minukku-Figuren geerdet und menschlich – was dramatisch von Bedeutung ist, da sie oft die Figuren sind, die die edlen Helden einer Geschichte beschützen, umwerben oder zu überzeugen versuchen. Minukku zu erkennen hilft einem Erstzuschauer, die Besetzung auf einen Blick zu sortieren – lange bevor die Handlung die Rolle jeder Figur klarmacht.
Die Farbcodierung auf einen Blick
Die Schminkkategorien des Kathakali fungieren als eine Art visuelle Kurzschrift – sie zu lesen ist einer der schnellsten Wege, um zu verstehen, wer wer ist, sobald das Drama beginnt, und genau das soll eine Schminkvorführung vor der Show vermitteln. Nichts davon muss im Voraus auswendig gelernt werden; selbst ein kurzer Blick auf die Tabelle unten vor einer Aufführung reicht meist aus, um den Unterschied zwischen Held und Schurke zu erkennen, sobald sie die Bühne betreten – lange bevor eine der Figuren irgendetwas getan hat. Die meisten Erstbesucher stellen fest: Sobald man eine Figur einer dieser fünf Kategorien zuordnen kann, wird der Rest der Geschichte – wen man anfeuern soll, wer gefährlich ist, wer einfach nur menschlich – viel leichter nachvollziehbar.
Kathakalis wichtigste Schminkkategorien
| Kategorie | Gesicht | Typisch repräsentiert |
|---|---|---|
| Pacha (grün) | Leuchtend grüne Grundierung, rot-schwarze Augenlinie | Edle Helden, Könige und Götter |
| Kathi (Messer) | Grüne Basis mit rot-schwarzen geschwungenen Mustern, weißer Nasenknauf | Mächtige, stolze Schurken und Antihelden |
| Thadi (Bart) | Bunter Bart – weiß, rot oder schwarz | Tugendhafte, aggressive oder wilde Charaktere, nach Bartfarbe |
| Kari (schwarz) | Rußgeschwärztes Gesicht | Dämoninnen und dunkle Waldgeister |
| Minukku (poliert) | Schlichtes Gesicht in Gelbtönen, ohne Chutti-Ridge | Frauen, Weise und andere feine Persönlichkeiten |
Das Kostüm — dafür geschaffen, aus der Ferne gesehen zu werden
Kathakali-Kostüme sind bewusst übergroß geschnitten: weite, mehrlagige Röcke, die von der Taille aus ausgestellt sind, stark gepolsterte Oberteile, die den Oberkörper verbreitern, und – besonders bei den Figuren Pacha und Kathi – ein hoher, kunstvoller Kopfschmuck (Kireedam), der dem Tänzer echte Größe verleiht. Diese Proportionen sind keine bloße Verzierung: Traditionell wurden die Aufführungen im Freien bei Öllampen inszeniert, für ein Publikum, das in einiger Entfernung saß – und die übertriebene Silhouette musste, ebenso wie das bemalte Gesicht, auch von weit hinten klar erkennbar sein. Dazu kommen Metallschmuck, lange künstliche Fingernägel, die die Handgesten deutlicher hervortreten lassen, und Röcke, die sich bei jeder Bewegung dramatisch drehen – so wird das Kostüm zu einem ebenso wichtigen Erzählinstrument wie die Mimik und Gestik des Tänzers darunter.